Das Projekt in der Öffentlichkeit: Presse, Statements, …

13.03.2021

Statement zum Kommentar “Ein Anfang ist gemacht” zum Artikel “Neu in Hildesheim: Hygieneartikel aus der Holzbox für Bedürftige” vom 13.03.2021 (Hildesheimer Allgemeine Zeitung)

Neu in Hildesheim_ Hygieneartikel aus der Holzbox für Bedürftige – Hildesheimer Allgemeine

Ein Anfang ist gemacht – Hildesheimer Allgemeine

 

Wir können und wollen die Meinung, die in der HiAZ zum Artikel “Neu in Hildesheim: Hygieneartikel aus der Holzbox für Bedürftige” erschienen ist, nicht unkommentiert lassen, da viele Punkte und Formulierungen nicht unseren Werten entsprechen. Wir sehen die Notwendigkeit, eine andere Perspektive in dem Diskurs einzubringen und für mehr Bewusstsein über Menstruation und Privilegien zu schaffen.

 

Begriffe wie “die roten Tage” und “der weibliche Zyklus” lehnen wir entschlossen ab. Wir beschränken uns auf die Begriffe Menstruation, Monatsblutung oder Periode, da sie den Vorgang des Blutens als normale körperliche Reaktion am besten abbilden. Beschönigende Begriffe wie “rote Tage” oder “Erdbeerwoche” werden oftmals tabuisierend verwendet. An Menstruationsbeschwerden sowie die Periodenarmut ist hingegen gar nichts zu beschönigen! 

Außerdem stimmen wir nicht mit dem cis weiblichen Fokus des Artikels überein. Wir lehnen die Sichtweise ab, dass die gemeinten cis Frauen oftmals nur über die Menstruation reden. Aus diesen Gründen hätten wir uns entweder eine Aussage wie “Über die Regelblutung wird häufig nur mit anderen Menstruierenden gesprochen.” oder eine progressivere Aussage wie “Um das Thema >>Menstruation<< zu enttabuisieren, ist es nötig, dass nicht nur menstruierende Personen ohne Scham über das Thema reden können, sodass in der Öffentlichkeit auch ein stärkeres Bewusstsein für die Periodenarmut entstehen kann.” gewünscht.  

Im weiteren Verlauf der Meinung folgt die Aussage, dass es wichtig zu wissen sei, dass der weibliche Zyklus Voraussetzung für neues Leben sei. Diese Aussage möchten wir aus mehreren Gründen zurückweisen, da sie erneut eine cis weibliche Perspektive auf die Menstruation ist und somit andere Menschen, die menstruieren, ausschließt: Denn auch trans*, inter*, non-binary* und agender* Personen können menstruieren und können auch von Periodenarmut betroffen sein! Es ist an der Zeit, das Bild der normschönen und gesunden Frau, die ihren Alltag trotz der Menstruation bewältigt, indem sie einfach einen Tampon verwendet und dadurch unbeschwert zur Arbeit und zum Sport gehen kann. In der Werbung wird dies häufig zusätzlich mit der tabuisierenden Blaufärbung der Blutung verstärkt. Bilder, wie der Gang in den Supermarkt, der Kauf von Menstruationsprodukten, von starken Schmerzen, von Endometriose – oder von Periodenarmut – würden ein angemesseneres und vielfältigeres Bild widerspiegeln. 

Außerdem lehnen wir die Fokussierung der Thematik auf die Reproduktionsfähigkeit ab, denn: wir leben in einem System, in dem biopolitische Maßnahmen getroffen werden, die die Fortpflanzung staatlich reguliert. Biopolitik bedeutet, dass der Staat Maßnahmen und Entscheidungen trifft, indem er z.B. Verhütungsmethoden, Sexarbeit aber auch die Menstruation (z.B. steuerrechtlich) reguliert. Dabei werden oft Entscheidungen getroffen, die heterosexuelle cis Menschen bevorzugen. Beispiele dafür sind die Aufteilung von Mann und Frau im Alltag (Toiletten, Umkleiden, Kleidung,…), aber auch das heteronormative Verständnis von Sexualität und Geschlecht. Die Regelungen, die dabei entstehen, beschäftigen sich besonders auf biologistische und naturalisierende Weise mit den Kategorien “Mann” und “Frau” als Norm, welche bereits vor (und spätestens bei) der Geburt festgelegt werden, indem ein Urteil über äußere Geschlechtsteile gefällt wird. Somit wird das Geschlecht schon sehr früh normiert zugeordnet und entscheidet über den weiteren Lebensverlauf.  

Doch was bedeutet das? Es bedeutet die Stigmatisierung von allem, was von der Norm abweicht und die oftmals gewaltvolle Angleichung (z.B. von inter* Personen) an die Norm. Außerdem entstehen durch diese Zuordnung Privilegien, aber auch Diskriminierung. Dass der in dem Kommentar genannte “weibliche” Zyklus also notwendig für neues Leben sei, ist eine privilegierte binäre und heteronormative Sichtweise, die viele Menschen ausschließt.  

 Da ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig! 

Deshalb haben wir hier eine kleine Liste zusammengestellt mit wichtigen Begriffen und weiteren Artikeln zur Menstruation aus queerer Perspektive: 

Cis = Menschen, die sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, identifizieren können 

Falls du weitere Begriffe wie queer, trans*, inter*, nonbinary* / nichtbinär* oder agender* noch nicht kennst, gibt es hier ein Glossar: https://queer-lexikon.net/glossar/ 

Englischer Comic  zur Menstruation aus queerer Perspektive: Queering Menstruation: Trans and Non‐Binary Identity and Body Politics – Frank – 2020 – Sociological Inquiry – Wiley Online Library 

 

Regelrecht: Menstruation aus nicht cis weiblicher Perspektive: https://regelgerecht.org/ 

Wie ist es als trans* Mann die Periode zu haben?: https://www.refinery29.com/de-de/trans-mann-periode 
Auf Englisch aus der Sicht der interviewten nichtbinären Person Cass Bliss:
https://www.huffpost.com/entry/nonbinary-period-menstruation_n_5b75ac1fe4b0182d49b1c2ed 

Auf Instagram findet ihr Infos unter dem #bleedingwhiletrans : https://www.instagram.com/explore/tags/bleedingwhiletrans/ 

Und auf dem Profil von Cass Bliss: https://www.instagram.com/theperiodprince/ 
 
Warum der Begriff “Menstruierende” verwendet werden sollte: https://vulvani.com/warum-schreiben-wir-menstruierende-menschen 

 

 


 

11.03.2021

Statement zur Spendenaktion “Regelspende – menstruieren kostet”

Auf Instagram hat uns Feedback und Kritik bzgl. der Spendenaktion für Menstruationsprodukte erreicht. Es handelte sich dabei um eine Kritik an der Verlinkung des Vereins “Social Period e.V.” und um die Aufforderung zur Einrichtung eines öffentlichen Zugangs, an dem Betroffene von Periodenarmut eigenständig an die  Menstruationsprodukte gelangen können. Dazu wollen wir heute Stellung nehmen:

An dieser Stelle wollen wir noch einmal deutlich machen, dass die Regelspende eine unabhängige Arbeitsgruppe als Zusammenschluss von Aktivisti*s ist, die in Hildesheim agiert und neue Strukturen dort aufbaut. Wir sind keine Ortsgruppe von Social Period e.V. und arbeiten dementsprechend unabhängig von ihnen. Wir verweisen auf sie, da das Konzept der Spende stark an ihres angelehnt ist , bemühen uns jedoch derzeit um eine breite Auswahl an lokalen kooperierenden Initiativen, welche sich in ihrem Klientel unterscheiden. In Zukunft wird es eine Liste mit Initiativen veröffentlicht, um den Spendenvorgang möglichst transparent zu gestalten. Unsere Ansprüche sind dabei eine gerechte Verteilung nach den Bedürfnissen der Menschen, wobei nicht die Gründe der Betroffenheit, das Geschlecht oder Bedarfsmenge hinterfragt werden. Dementsprechend verfolgen wir auch das Ziel, dass Menschen so eigenständig wie möglich auf die gespendeten Artikel zugreifen können, ohne diese erfragen zu müssen. Diese Ansprüche wollen wir an die kooperierenden Anlaufstellen weiterleiten.

In diesem Zusammenhang hat uns die wichtige Kritik erreicht, die Spendenartikel auch an öffentlichen Orten (wie bspw. Bücherschränken) zugänglich zu machen. Derzeit werden wir uns noch auf die bisher ausgewählten Initiativen beschränken, sind jedoch dabei, uns Orte und Möglichkeiten zu überlegen, an denen eine gerechte, gut betreute und geordnete Verteilung möglich ist, sodass dort in regelmäßigen Abständen ebenfalls Produkte zu finden sind. Sobald das Projekt vorangeschritten ist, werden wir uns auch darum bemühen, Feedback von den Spendenempfänger:innen einzuholen, damit wir den Zugang zu den Spenden auf die Bedürfnisse der Menschen anpassen können.

Außerdem wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass Tampons und Menstruationstassen sich für viele Betroffene nicht anbieten würden, da diese sehr regelmäßig gewechselt werden müssen und durch bakterielle Infektionen zum lebensgefährlichen Toxischen Schocksyndrom führen können. Wir haben dies nun in unserem digitalen Infoflyer angepasst und wollen an dieser Stelle ein weiteres Mal anmerken, dass besonders Binden und Slipeinlagen benötigt werden! Wir nehmen trotzdem weiterhin Tampons an und werden diese zu Initiativen bringen, in welchen das Klientel Zugang zu Sanitäranlagen hat, sodass die Menschen die Wahl zwischen den Produkten erhalten. Außerdem werden wir die Institutionen auf die Gefahren von Tampons und Menstruationstassen aufmerksam machen, sodass das Risiko einer Infektion sinkt.

Wir sehen uns derzeit aufgrund unserer Gruppengröße nicht in der Lage, die Aktion in einem erweiterten Umfang zu betreiben, weshalb wir uns auf eine kleinere Anzahl an Filialen und Initiativen beschränken. Sowohl der Planungsprozess als auch das Abholen und Verteilen der Spenden an sich nehmen viel Zeit in Anspruch. Unsere Kapazitäten sind begrenzt, da wir den Anspruch haben jederzeit für alle Beteiligten ansprechbar zu sein und weiterhin alle anfallenden Aufgaben erledigen zu können. Trotz alledem freuen wir uns über die Kritik und sind darum bemüht, auf jedes Feedback einzugehen, um die Aktion zu verbessern. In Zukunft werden wir weitere Statements, Updates und die kooperierenden Initiativen veröffentlichen, um so transparent wie möglich zu arbeiten!